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Oslo Trikken

Die Stadt und ihre Straßenbahn

TW 159 am Jernbanetorget
Am Jernbanetorget

Die norwegische Hauptstadt ist echt schön. Man glaubt nur nicht, dass es sich tatsächlich um eine Hauptstadt handelt.

Die Osloer sprechen einen fürchterlichen Dialekt (sie nennen ihre eigene Stadt Uschluuh) und sind deshalb auf die geistreiche Idee gekommen, ihre Straßenbahn - abgeleitet von Elektriske - nur noch Trikken zu nennen. Das richtige Wort für Straßenbahn, das man aber in Oslo kaum verwendet, ist Sporvei.

Das Straßenbahnnetz hat ein paar Eigenheiten. Für die Größe der Stadt ist es eigentlich viel zu klein, man könnte es locker verdoppeln (stattdessen bestreiten überfüllte Busse diesen Verkehr). Aber für norwegische Verhältnisse ist es natürlich groß: Außer Oslo existieren nur die Netze Trondheim und Bergen, die aus je einer Linie bestehen.


Auf den Osloer Gleisen ist viel Betrieb. Leider sind Fahrzeuge und Gleise allzu oft in einem mäßigen bis katastrophalen Zustand. Für betriebliche Probleme bei der Osloer Straßenbahn scheint man nur eine Lösung zu kennen: So lange aufschieben, bis der Zustand unhaltbar ist und die Politik Geld zur Behebung gibt.
Bemerkenswert ist die Gleisführung: In der Innenstadt liegt fast in jeder Straße ein Gleis. Meist erfolgt die Linienführung nach Richtung getrennt in verschiedenen Straßenzügen. Wirklich durchblicken kann man da nicht.


Das Osloer Streckennetz in OpenStreetMap: Größere Karte anzeigen

Wagenpark

Hier wird es problematisch. Da wären zunächst die SL-79. In zwei Serien 1982/83 und 1989/90 bestellt, fahren die zweiteiligen Gelenkwagen nun schon bald 30 Jahre unermüdlich durch Oslo. Sie scheinen recht zuverlässig zu sein, aber so langsam werden sie einfach altersschwach.
Dann bestellte man in den 90ern die SL-95, dreiteilige Nobelbahnen von Ansaldo-Breda aus Italien. Die Dinger sollten sich als absolute Fehlkonstruktionen erweisen. Viel zu schwer (10t Achslast!), sehr laut und wahre Gleisfräsen. Dazu kommt, dass sie schon nach 5 Jahren Einsatzzeit starke Roststellen aufwiesen. Aktuell pflegt man sie (aus Kostengründen?) kaum noch und macht sich schon über ihren Ersatz Gedanken. Sie haben nur einen wirklichen Vorteil: Sie sind enorm leistungsstark (840kW). Nur genau deshalb sind sie auch so schwer.
Zusammengefasst muss die Osloer Straßenbahn also innerhalb der nächsten Jahre ihren gesamten Fuhrpark erneuern. Momentan überlegt man, wie das angesichts knapper Kassen gehen soll.
Für den Fotografen sind beide Fahrzeugtypen ganz gut umsetzbar, allerdings ist das Farbschema eine Herausforderung: Vor hellen Hintergründen geht das Babyblau der Trikken oft einfach unter.

Eindrücke

Ich war nun bereits mehrmals in Oslo. Die Bandbreite der Eindrücke reicht von -10°C und eisigem Wind bis zu 25°C und strahlend blauem Himmel. Die Stadt ist wandelbar, und mit ihr der Blick auf die Straßenbahn.
Die gezeigten Fotos sind fast alle in der Innenstadt entstanden. Für die letzten Abschnitte, die Tour durch Grünerløkka und die Ekebergbanen, sollte man die Straßenbahn nehmen. Alles andere lässt sich gut erlaufen.

Jernbanetorget

Die erste Begegnung mit der Osloer Straßenbahn findet gewöhnlich hier auf dem Bahnhofsvorplatz statt. Die Begegnung besteht meist darin, dass der unendliche Strom der Touristen auf die Karl Johans gate will und dabei der Straßenbahn den Weg versperrt.
Die zentrale Haltestelle wurde 2009 umgebaut, dabei enstandt auch der Trafikanten, der die Osloer Verkehrsinformation für Buss, Trikk, T-bane, Båt und Lokaltog beinhaltet.
(Kleiner Hinweis für Touristen: Auf der Treppe zum Bahnhof wimmelt es von Drogendealern, die einen anquatschen.)

TW 121 auf dem Jernbanetorget
Ein SL-79 der jüngeren Serie fährt auf der Linie 12 nach Majorstuen. Im Hintergrund sieht man die Säule des Trafikanten, rechts die Treppe zum Bf Oslo S, Juli 2010.

TW 128 am Jernbanetorget
Zwei Jahre später: TW 128 verlässt die Haltestelle. Hinter dem Wagen beginnt die Karl Johans gate, die Osloer Touristenmeile vom Bahnhof zum Schloss. Auf einem Kilometer Souvenirladen an Souvenirladen, dazwischen ein paar Straßenkünstler.

Jernbanetorget im Dunkeln
Ein kurzer Eindruck aus dem Winter 2013: Ein unbekannter SL79 steht an der Haltestelle. Es ist kalt, nass und dunkel.

TW 117 am Jernbanetorget
Am nördlichen Ende des Bahnhofsvorplatzes liegt eine große Straßen- und Gleiskreuzung mit einer weiteren Jernbanetorget-Haltestelle. Über diese Kreuzung führen fast alle Osloer Linien. Hier biegt ein SL-79 von der Ekeberg-Strecke auf den Jernbanetorget.
TW 117 vor dem Radisson Hotel

Vom Jernbanetorget zum Stortorvet

Die Ullevål hageby-linjen, die vom Jernbanetorget bis zum Rikshospitalet führt, bildet im Zentrum zusammen mit der Homansbytrikken die nördlichere der zwei Ost-West-Querungen. Aufgrund der alten Bebauung findet man hier Fotomotive, nur die Autofahrer und Fußgänger sind doch sehr zahlreich.

TW 145 am Jernbanetorget
TW 145 hat den Jernbanetorget verlassen und fährt den kleinen Anstieg hinauf zum Marktplatz Stortorvet.

TW 106 am Kirkeristen
TW 106 fährt in Richtung Stortorvet. Rechts daneben ist der Eingang zu den Baserene, den Marktarkaden rund um die Domkirche, zu sehen.

TW 161 vor der Domkirke
TW 161 fährt im Juli 2010 vor der Domkirke an die Hst. Stortorvet.

Gleisschäden
Leider sind die Gleise hier (wie and vielen Stellen) in keinem guten Zustand.

TW 158 zwischen Stortorvet und Tinghuset
TW 158 verlässt den Stortorvet. Ein paar hundert Meter die Seitenstraße links im Bild entlang, und man gelangt an den Ort der Bombemexplosion vom Juli 2011.

Vom Jernbanetorget zum Wessels plass

Die zweite Innenstadtachse wird durch die Briskebylinjen gebildet, die vom Jernbanetorget über den Wessels plass und vorbei am Nationaltheater nach Majorstuen führt. Fotomotive gibt es ein paar. Aufgrund des Lichteinfalls und des Verkehrs konnte ich leider weder das Parlament noch das Nationaltheater ins Bild nehmen, weswegen die Tour schon am Wessels plass endet.

TW 139 in der Tollbugata
Triebwagen 139 auf der Linie 19 fährt durch die Tollbugata vom Nationaltheatret Richtung Jernbanetorget. Die Tollbugata ist die West-Ost-Richtung der genannten Strecke, so viel habe ich im komischen Straßenbahngleisverlauf inzwischen kapiert.
Die Ost-West-Richtung führt durch die Prinsens gate.
TW 116 an der Prinsens gate
Das hier ist an der Prinsens gate, kurz vor dem Wessels plass. Diese Bahn hier aber biegt von der Prinsens gate runter, kreuzt die Tollbugate und biegt hinter zur Aker brygge. Logisch? Nein. Denn das ist Linie 13 und nicht Linie 12, die 13 darf das gar nicht. Versteh einer die Oslo Trikken.

Lion's City auf dem Wessels plass
Auf dem Wessels plass fahren die Straßenbahnen schön bergab quer über den Platz. Aber ich wartete und wartete .. und es kam keine Bahn. Deshalb musste erst mal ein "Großstadtlöwe" (MAN Lion's City) herhalten.

TW 118 in der Prinsens gate
Die Straßenbahnen nahmen einfach immer wieder den falschen Weg und bogen ab Richtung Aker Brygge. Aber die hier darf das im Gegensatz zur Vorigen wenigstens, sie fährt nämlich Linie 12.

TW 123 auf dem Wessels plass
Dann erbarmte sich die Oslo Trikken doch, schickte einen Triebwagen auf die richtige Linie und dann auch noch einen SL-79 der älteren Serie. Sehr schön.
Die Bahn trägt Werbung für Diplom-Is, eine äußerst schmackhafte norwegische Eissorte (upps, Schleichwerbung ..).

Von der Aker Brygge zum Solli

Von der Briskebylinjen zweigt die Vikalinjen ab, die über Aker Brygge zum Knotenpunkt Solli führt. Sie wurde erst 1995 gebaut, allerdings existierte bis 1961 auf parallel liegenden Straßen eine ähnliche Strecke. Das schönste Fotomotiv auf der Strecke ist sicher die alte Osloer Vestbanestasjonen, in der heute ein Museum über den Friedensnobelpreis eingerichtet ist.

TW 116 an der Aker Brygge
TW 116 vor der Vestbanestasjon im August 2012

TW 134 an der Aker bryggen
Ein Stück hinter der Aker bryggen. Dreckige Schneehaufen säumen die Straße, es ist Februar 2009. Ein eiskalter Wind weht und nach diesem Foto verpacke ich die Kamera schnell wieder und versuche, meine Hände aufzutauen.

Springbrunnen Solli
Wir erreichen den Solli. Hier gibt es eine kleine Besonderheit: Irgendein geistreicher norwegischer Straßenplaner, dem die Monotonie der norwegischen Kreisverkehre zu viel wurde, kam auf die Idee, in diesen Kreisel nicht nur die Straßenbahnschienen nach Skøyen und Frogner zu verlegen, sondern gleichzeitig einen Springbrunnen. Die Gleise liegen also im Wasser und durchqueren diesen Ring aus Fontänen. Kommt eine Bahn, werden die Fontänen nicht etwa abgestellt, sondern lediglich die Höhe etwas heruntergeregelt.

Das Motiv lädt zum fotografieren förmlich ein. Dummerweise zeigt sich aber gerade an diesem Ort ein alltägliches Osloer Phänomen in besonderer Stärke: Die Straßenbahn steckte einfach immer in einer Schlange aus wartenden Autos.
Straßenbahn am Solli
Besser ging es nicht. Das ist das Auto-ärmste Bild, das ich machen konnte. Und so wurde aus dem erdachten außergewöhnlichen Fotomotiv nur eine Dokumentation Osloer Verkehrsprobleme.

Durch Grünerløkka

Die Grünerløkka-Torshov-Linjen ist eine der beiden Strecken, die vom Zentrum aus nach Nordosten führen und sich in Sinsen wieder treffen.
Grünerløkka ist das Künstler- und Studentenviertel von Oslo. Hier gibt es Straßenzüge aus schönen Jugendstilhäusern, viele junge Menschen und alle zwei Meter eine originelle Studentenkneipe oder einen kleinen Laden. Manchmal sogar beides im selben Raum.
Bei meinem Besuch im August 2012 wurde eifrig gebaut. Die Fotos werden belegen, dass dies auch dringend nötig ist.

Kletterweiche Oslo
Die Bauarbeiten erfolgten unter rollendem Rad. Also wurden gleich an mehreren Stellen Kletterweichen eingesetzt, hier an der Station Nybrua.

Straßenbahn auf Kletterweiche
Hier wird geklettert: Der 30 Jahre alte TW 101 fährt stadteinwärts.

Birkelunden
Zwei Stationen stadtauswärts liegt Birkelunden. Die Haltestelle ist nach dem angrenzenden Park benannt, Birkelunden heißt Birkenhain. Und da der Park für einen natürlichen Birkenhain viel zu ordentlich gepflegt ist, kam ein geistreicher Osloer auf die Idee, wenigstens der Haltestelle etwas Wildnis zu schenken. Deshalb gibt hier dieses üppig ausgestattete Rasengleis.



SL-79 Birkelunden
Der SL-79 wirkt dagegen geradezu zierlich.

Oslo Straßenbahn Baustelle
Weiter nördlich wird schon wieder gebaut. Und wie man sieht, ist das bitter bitter nötig!

Gleisschäden Oslo
Die Schäden im Detail. Dahinter das neue Gleis.

Kletterweiche Biermanns gate
Noch weiter nördlich, an der Hst. Biermanns gate, liegt gleich die nächste Baustelle. Und wieder wird geklettert ...

Am Ekeberg vorbei nach Süden

Die Ekebergbanen gehört neben der Lilleakerbanen zu den Strecken, die eher S-Bahn-Charakter haben, aber nicht der T-bane zugeordnet wurden. Eigener Gleiskörper, großzügige Trassierung, gute Höchstgeschwindigkeit.
Vom Jernbanetorget aus führt die Strecke am Stadtteil Grønland (ja, der heißt tatsächlich so!) vorbei auf den Ekeberg zu. Von dort aus führen die Gleise am Hang entlang, auf der einen Seite Berg, auf der anderen Seite Oslofjord, durch die Vororte bis nach Ljabru.
Die Strecke sieht vielversprechend aus und macht Lust auf eine ausführliche Begehung. Allerdings war im Winter 2013 wegen der Zeit und wegen der Temperaturen erst einmal nur ein kurzer Abstecher zum Ekeberg möglich.

Panorama Ekeberg
Ein kleines Panoramabild mit Blick auf die Stadt und dem Rücken eines wegfahrenden SL-79.

SL-79 Ekeberg
TW 111 an selbiger Stelle, zwischen den Hst. Hospitalsgate und Sjømannsskolen.

Die Korntrikken

Ein besonderes Kapitel Osloer Straßenbahngeschichte

Silo Vippetangen Korntrikken
Das Silo am Vippetangen heute: Nur noch wenig erinnert an die Korntrikken. Die Beladenlage ist die Durchfahrt vor den Silotürmen, darin lag einst ein Gleis. Heute halten hier nur noch LKW. Links im Hintergrund führten einst die Gleise ins Osloer Zentrum. Das Foto wurde von einem Fährboot, das am Anleger festmachte, aufgenommen.

Von 1918 bis 1967 besaß Oslo eine ganz spezielle Art der Güterstraßenbahn: Die Korntrikken. Mit ihr wurde Getreide von einem Kornsilo am Hafen Vippetangen, direkt neben der Festung Akershus, zu den Kornmühlen Bjølsen Valsemølle in Sandaker und Nedre Foss mølle in Grünerløkka transportiert. Dazu fuhren 2 speziell gebaute Zweiachser über die damals existierende Vippetangen linje und die Grünerløkka-Torshov linje. Mit Einstellung der Vippetangen-Strecke war es leider auch mit der Korntrikken aus, obwohl die Bjølsen Valsemølle gerne weitergemacht hätte.
Die Videoaufnahmen von 1967 hat der Osloer Verkehrsverbund #ruter ins Netz gestellt. Das Video beginnt an den Marktarkaden, der Triebwagen fährt durch die Innenstadt und quert die Karl Johans gate. Die nächste Szene zeigt bereits die Einfahrt zum Silo am Vippetangen, dann folgt das beladen. Auf der Rückfahrt sieht man den Triebwagen kurz am Kirkeristen, im Hintergrund sind wieder die Marktarkaden zu erkennen. Dann folgt auch schon die Szene an der Bjølsen Valsemølle, die Weiche wird gestellt, und der TW biegt ins Werksgelände ein.






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